🌊 Dein Verstand ist ein ausgezeichneter Diener, aber ein schrecklicher Herrscher 🔗

Eine Auseinandersetzung mit David Foster Wallaces brillanter Rede „Das hier ist Wasser“ („This is Water“).

Wer schon einmal auf die beliebte Animation von After Skool mit dem Titel „Your Mind is an Excellent Servant, but a Terrible Master“ gestoßen ist, hat einen Ausschnitt einer der tiefgründigsten Reden des 21. Jahrhunderts erlebt.

Die Tonspur stammt aus der Abschlussrede, die der verstorbene David Foster Wallace im Jahr 2005 vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College hielt und die weltweit unter dem Titel „This is Water“ („Das hier ist Wasser“) bekannt wurde.

Weit entfernt von einer üblichen feierlichen Absolventenrede lieferte Wallace einen schonungslos ehrlichen Überlebensleitfaden für die banalen, frustrierenden und ermüdenden Realitäten des Erwachsenenlebens. Im Folgenden werfen wir einen strukturierten Blick auf die Kernphilosophie dieser Rede und verbinden zentrale Auszüge mit dem nötigen Kontext, um ihre Botschaft wirklich zu verinnerlichen.

📑 Inhaltsverzeichnis 🔗


🐟 Was zum Teufel ist Wasser? 🔗

Die Rede beginnt mit einer einfachen, leicht humorvollen Parabel über Bewusstheit:

„Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung schwimmt, ihnen zunickt und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Und die zwei jungen Fische schwimmen noch ein Stück weiter, bis schließlich der eine zum anderen hinübersieht und sagt: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“

Der Sinn der Fischgeschichte besteht nicht darin, sich selbst als weisen alten Fisch zu sehen. Der springende Punkt ist vielmehr, dass die offensichtlichsten, wichtigsten Realitäten oft diejenigen sind, die am schwersten zu erkennen und auszusprechen sind.

Wir leben vollkommen eingetaucht in unsere eigenen Überzeugungen, Annahmen und Lebenswelten – oft ohne überhaupt zu bemerken, dass sie existieren.


🧠 Der schreckliche Herrscher 🔗

Einer geisteswissenschaftlichen Bildung wird oft nachgesagt, sie bringe einem „das Denken bei“. Wallace argumentiert, dass dieses Klischee in Wahrheit eine viel tiefere Einsicht verdeckt: Denken zu lernen bedeutet zu lernen, Kontrolle darüber auszuüben, worüber man nachdenkt.

„Denken zu lernen bedeutet in Wirklichkeit zu lernen, ein gewisses Maß an Kontrolle darüber auszuüben, wie und was man denkt. Es bedeutet, bewusst und aufmerksam genug zu sein, um selbst zu wählen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, und selbst zu wählen, wie man aus Erfahrungen Sinn konstruiert.“

Wer diese Wahl im Erwachsenenleben nicht treffen kann oder will, ist hoffnungslos verloren. Das führt direkt zum Kerngedanken der After-Skool-Animation:

„Denkt an das alte Klischee, dass der Verstand ein ausgezeichneter Diener, aber ein schrecklicher Herrscher ist. Wie so viele Klischees, die an der Oberfläche so lahm und abgedroschen wirken, drückt auch dieses in Wahrheit eine große und schreckliche Wahrheit aus. Es ist nicht im Geringsten ein Zufall, dass Erwachsene, die sich mit einer Schusswaffe das Leben nehmen, sich fast immer in den Kopf schießen. Sie erschießen den schrecklichen Herrscher.“

Wenn du deinen Verstand nicht kontrollierst, kontrolliert er dich. Sich selbst überlassen, wird dein Verstand dich davon überzeugen, dass du der absolute Mittelpunkt des Universums bist.


🛒 Die Standardeinstellung: Stau und Supermarktkassen 🔗

Wallace weist darauf hin, dass unser natürlicher, von Geburt an fest verdrahteter Zustand eine tiefe Ichbezogenheit ist.

„Denkt einmal darüber nach: Es gibt keine einzige Erfahrung, die ihr je gemacht habt, in deren absolutem Mittelpunkt nicht IHR gestanden hättet. Die Welt, wie ihr sie erlebt, ist direkt vor EUCH oder hinter EUCH, links oder rechts von EUCH, auf EUREM Fernseher oder EUREM Bildschirm.“

Diese „Standardeinstellung“ (Default Setting) wird in den täglichen Schützengräben des Erwachsenenlebens gefährlich – im Berufsverkehr, in überfüllten Supermarktgängen, in langen Warteschlangen an der Kasse nach einem erschöpfenden Arbeitstag. Wenn wir in unserer Standardeinstellung operieren, gehen wir automatisch davon aus, dass alle anderen bloß uns im Weg stehen. Wir betrachten den Geländewagen, der uns die Vorfahrt nimmt, oder die langsame Kassiererin als persönliche Beleidigung unserer kostbaren Zeit.

Aber wir haben eine Wahl. Wir können uns entscheiden, die Situation anders zu betrachten. Wir können uns bewusst machen, dass die Person im Geländewagen vielleicht gerade ein krankes Kind ins Krankenhaus fährt oder dass die Kassiererin einen weitaus eintönigeren, schmerzhafteren Job hat als wir.

„Das Einzige, was mit großem W Wahr ist, ist, dass ihr selbst entscheiden könnt, wie ihr versuchen wollt, die Dinge zu sehen. Genau darin, so behaupte ich, liegt die Freiheit einer wahren Bildung, des Lernens, wie man mit dem Leben klarkommt. Ihr dürft bewusst entscheiden, was Bedeutung hat und was nicht.“


🗽 Die Wahl, was wir anbeten 🔗

In der Welt der Erwachsenen, so Wallace, gibt es so etwas wie Atheismus nicht. Jeder betet irgendetwas an. Die einzige Wahl, die wir haben, ist, was wir anbeten.

Wenn wir uns dafür entscheiden, die unbewussten Standarddinge anzubeten, werden sie uns bei lebendigem Leib auffressen:


💧 Wahre Freiheit 🔗

Die Alternative zur Standardeinstellung besteht darin, echte Freiheit zu finden. Dabei geht es nicht um finanzielle Unabhängigkeit oder darum, einfach tun und lassen zu können, was man will.

„Die wirklich wichtige Art von Freiheit beinhaltet Aufmerksamkeit, Bewusstheit und Disziplin sowie die Fähigkeit, sich aufrichtig um andere Menschen zu kümmern und Tag für Tag auf unzählige kleine, unscheinbare, wenig glamouröse Weisen Opfer für sie zu bringen. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, gebildet zu sein und zu verstehen, wie man denkt. Die Alternative ist Unbewusstheit, die Standardeinstellung, das Hamsterrad, das ständige nagende Gefühl, etwas Unendliches besessen und wieder verloren zu haben.“

Die ganze Kunst besteht darin, diese Wahrheit im täglichen Bewusstsein wachzuhalten.

„Das hier ist Wasser. Das hier ist Wasser.“


📝 Wichtige Impulse für den Alltag 🔗

  1. Überprüfe deine Standardeinstellung: Wenn du in banalen Alltagssituationen (wie im Stau oder in Warteschlangen) Wut oder Frustration spürst, erkenne, dass hier deine angeborene Ichbezogenheit das Steuer übernimmt.
  2. Wähle deinen Fokus: Du kannst deine äußeren Umstände nicht immer kontrollieren, aber du hast die volle Macht darüber, welchen Sinn du aus ihnen konstruierst.
  3. Achte darauf, was du „anbetest“: Nimm wahr, welchen Dingen du höchsten Wert beimisst. Wenn du deinen Selbstwert an Geld, Aussehen oder Intellekt knüpfst, wirst du dich irgendwann innerlich leer fühlen.
  4. Übe dich in kleinen Opfern: Wahre Freiheit liegt in der Disziplin, sich jeden einzelnen Tag auf kleine, unspektakuläre Weise um andere zu kümmern.

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Aktualisiert am 11.10.2026.

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